Rennbericht Zell am See

27. August 2017

Ja - da liegt sie nun hinter mir: Meine zweite Mitteldistanz. Der Ironman 70.3 in Zell am See und ich bekomme immer mehr Lust auf diesen Sport, weil allmählich die Angst vor dem Wettkampf schwindet und ich die Abläufe einfach immer mehr verstehe. Denn logistisch und organisatorisch ist dieser Sport einfach noch eine zusätzliche Herausforderung, die man erst irgendwie verinnerlichen muss. Was muss in den Bike-Beutel und was in den Lauf-Beutel?

Wann nehme ich die ersten Gels zu mir und wieviel werde ich auf dem Rad zu mir nehmen? Sonnenbrillen schon in den ersten Beutel und wenn doch schon auf dem Rad - erst die Brille aufsetzen und dann den Helm, weil man sonst später beim Wechsel zum Lauf seine Probleme bekommt? Und was nehme ich überhaupt von zu Hause alles mit? Welches Wetter wird es haben? Ach egal! Einfach alles rein ins Auto was irgendwie nach Sport aussieht! Als wir am Freitag in Zell angekommen sind, fühlte ich mich bis in die Haarspitzen motiviert und auf den Punkt genau hintrainiert. Ich konnte Bäume ausreissen, was im Rennverlauf aber auch von Nöten sein sollte. Dazu gleich mehr!

Meine Entwicklung beim Laufen war in den letzten Wochen beachtlich, obwohl ich sogar wegen eines ziemlich komplizierten Zehenbruchs viele Laufeinheiten auslassen musste und mehr Zeit dem Radfahren und dem Schwimmtraining widmen musste, was aber letzten Endes vielleicht gar nicht so verkehrt gewesen ist, liegen doch da immer noch meine größten Defizite. Jedoch verstand ich immer mehr, dass hier eben auch eine große Chance besteht, noch schneller Erfolge beim Gesamtergebnis zu erzielen, weswegen ich sogar allmählich Spaß am lästigen Schwimmen und fast noch lästigerem Radfahren gefunden hatte. Das schlimme am Rad war für mich einfach von Beginn an das Sitzen, da wohl mein kleines Pflaumen-Popöchen nicht für so kleine harte Kunstoff-Sattel gemacht zu sein scheint… Ludwig und Jürgen haben hier jedoch viel Geduld bewiesen und ich fühlte mich immer mehr für lange Ausfahrten gerüstet, was wohl das Projekt Arber-Radmarathon mit 250 Kilometern und 3700 Höhenmetern eindrucksvoll bewiesen haben dürfte. Seitdem stresst mich zudem kein Anstieg mehr so leicht :)

Nun zum Rennen: Kurz bevor um 11.10 Uhr der Startschuss am wunderschönen Zeller See gefallen ist, musste ich mich an Hand meiner geschätzten Zielzeit an die richtige Stelle einreihen. Diese Methode nennt sich „Rolling Start“ und wurde eingeführt damit das Schwimmen relativ sanft abläuft und sich das Gehaue am Start reduziert, was mir ehrlich gesagt als Anfänger schon entgegenkommt. Ist so schon echt eine Herausforderung für mich, die 1,9 Kilometer ohne Todesängste zu überstehen. Da ich relativ große Erfolge in den letzten Schwimmtrainings verzeichnen konnte, reihte ich mich bei „35 Minuten ein, was in etwa ein Pace von 1:50 Minuten auf 100 Meter bedeuten würde. Das bin ich definitiv in der Lage zu schwimmen und da ich auf meiner Uhr genau dies Durchschnittszeit auf 100m groß anzeigen ließ, konnte ich bei der Wende nach 950 Meter an der Boje, an welcher ich ohnehin immer mit Brust schwimmen geschickt umschiffe, einen kurzen Blick erhaschen und was stand da? Punktgenau eine 1:50er Zeit. BÄMM! GEIL! DAS WOLLTE ICH SEHEN! Wenn man bedenkt dass ich vor ein paar Monaten in St. Pölten noch ein gutes Stück länger gebraucht habe, ein echter Erfolg… Beim zurück schwimmen hatte ich dann aber doch plötzlich auch mit der Länge ein bisschen zu kämpfen und dachte das hört wohl NIE auf. Kann sich schon ziehen so eine Strecke aber ich habe dann doch die Ruhe bewahrt und immer wieder auch entspanntere Züge reinbringen wollen. Als mich einer nach dem anderen überholte, merkte ich schon, dass etwas nicht stimmen kann aber ich ließ mich nicht weiter irritieren. PLÖTZLICH KÜNDIGTEN SIE SICH JEDOCH WIEDER AN! WER?! DIE VERDAMMTEN KRÄMPFE, die mich auch schon vor kurzem auf der Olympischen Distanz in Regensburg so geärgert haben. Da dachte ich, dass diese eventuell noch dem Arber der vorigen Woche geschuldet waren, aber jetzt die traurige Gewissheit: Irgendetwas läuft hier falsch! Irgendwo habe ich wohl Defizite, die durch diese extreme Sportart gnadenlos aufgedeckt werden… Ich versuchte sofort meinen Schwimmstil zu ändern, die Beine zu entlasten (es waren vorerst „nur“ Wadenkrämpfe), viel mehr Luft zu schnappen, in der Hoffnung, mehr Sauerstoff im Blut könnte das Ganze beheben. NICHTS, ABER AUCH GAR NICHTS HALF und ich konnte kaum aus dem Wasser steigen, da mittlerweile auch der hintere Oberschenkel ebenso zugemacht hat, wie auch beide Waden. Unglaublich, innerhalb kürzester Zeit konnte ich mich kaum mehr bewegen. Also bin ich irgendwie raus und ins Wechselzelt gehumpelt. Mist! Hatte ich mir sogar teilweise Abläufe überlegt, damit ich wenige Sekunden beim Wechsel sparen konnte und jetzt machte es den Anschein, nicht mal ins Ziel kommen zu können, da dieses ja doch noch 90 Rad- und 21 Laufkilometer entfernt lag und ich ja auch nach dem letzten Wettkampf wusste, wie sich die Krämpfe jetzt weiter entwickeln würden. Aber aufgeben ist für den TRIAtom einfach keine Option und ich arbeitete mit allen Mitteln als ich endlich vollkommen umgezogen auf dem Rad gesessen bin. Viel Trinken - CHECK! Beine in den Bergab Passagen massieren - CHECK! Hohe Trittfrequenz fahren um den Muskel nicht zu sehr zu belasten - CHECK! Massig Gels und ISO-Getränke reinbuttern - Ebenfalls CHECK! Irgendwie habe ich es zumindest vorerst geschafft, die Krämpfe kurz vor der Kontraktion in den Griff zu bekommen obwohl sie ständig präsent waren. Der Begriff „Walking on Eggshells“ trifft es wohl ziemlich gut… Leider wusste ich, dass die ärgste Passage des Rennens nach 25 Kilometer erst kommen sollte, nämlich der Anstieg zum Filzensattel mit knapp 1000 Höhenmetern. Also eine Stunde nur bergauf mit einer fiesen 2 Kilometer Rampe am Ende des Berges mit satten 14% Steigung. Auch hier versuchte ich mit einem kleinen Gang nicht groß anzugreifen und weiterhin das Ding irgendwie heimzubringen. Wirklich Schade, weil ich mich doch so fit gefühlt hatte und das Ganze einfach nur allzu gern bewiesen hätte! Aber noch war das Rennen nicht zu Ende und ich holte mir sämtliche Motivationshilfen ins Gehirn, die mir dann so eingefallen sind. Am meisten hat mir sicherlich geholfen, dass ich wusste, dass Freunde und ein großer Teil meiner Familie zu Hause vor dem Rechner hockt und mir am Live-Tracker ganz stark die Daumen drückt und natürlich auch, dass mir Ralf erst vor kurzem bescheinigt hat, dass ich ein unwahrscheinlich starke Beisser bin und er sich das nie so von mir gedacht hätte. Ohja - das bin ich, also lasst uns beissen!! Wie gerne wäre ich jedoch im Wiegetritt die letzte krasse Steigung gefahren.. Unmöglich, denn immer als ich aus dem Sattel steigen wollte, haben sich die Muskel gemeldet und fast schon in Reihen zugemacht. Dann kam die Abfahrt und ich fand auch danach einen guten Tritt und sammelte plötzlich sehr viele Radfahrer ein. Ich fuhr in Summe für mich eine saustarke Zeit auf dem Rad und hätte plötzlich ewig so weitermachen können obwohl ich kurz vor Schluss sogar IN DEN OBERARMEN (!!!) Krämpfe bekommen habe und Angst hatte, das Lenkrad so zu verreissen, dass ich stürzen würde. Aber auch hier fand sich irgendeine Position um die Rad-Distanz auch noch auf den letzten Kilometern in einer Zeit von 2:48 Stunden und einem Schnitt von 32km/h nach Hause zu bringen. Knapp 2 km/h besser als noch in St. Pölten und das mit physischen Problemen und bei einer anspruchsvolleren Strecken.

GEIL, das war das Highlight meines Rennens… Und nun?  Tja - hoffen dass das Radeln und die Versorgung irgendwie die Muskeln entschärft hat und beim Laufen irgendwie keine Probleme bereitet. Also loslaufen und warten was passiert war die Devise, jedoch nach 3 Kilometern mit der Gewissheit, dass gar nichts besser geworden ist und es schier unmöglich scheint die letzten 18 Kilometer nur irgendwie ins Ziel zu bekommen, was ich auch meiner lieben Steffi am Wegesrand genau so mitgeteilt habe. „Ich kann es nicht schaffen, die Schmerzen sind zu groß und es gibt kaum eine Bewegung die mich weiterlaufen lässt“ waren in etwa meine Worte. Aber sie schickte mich los mit den Worten „ich bin mir sicher du schaffst das“ und so etwas triggert bei Herrn Ostfalk natürlich dermaßen, dass ich es einfach versuchen musste. Nach 10 Kilometern musste ich jedoch die erste Gehpause einlegen, weil ich einfach nicht mehr laufen konnte. Verdammt, die Kondition war noch so gut und mein Kopf wollte einfach nur Gas geben jedoch verwehrten ihm meine Beine dieses Vorhaben und ich war wirklich dem Heulen nahe… Hatte ich mir doch so viel vorgenommen und konnte ich es jetzt einfach nicht umsetzen. Die Splits waren fantastisch und wenn ich nur annähernd meine Laufform zeigen könnte, würde ich mit einer Zeit von 5 Stunden 15 Minuten ins Ziel kommen und wäre ziemlich gut dabei für ein Jahr Training, dachte ich mir. Aber WOLLEN und KÖNNEN liegt halt doch immer mal gern weit auseinander, weswegen nun das Vorhaben ZIELEINLAUF das einzige war, was zählen sollte und leider auch genug weit weg gewesen ist. Die Gehpausen wurden immer häufiger, bis ich nach ca. 14 Kilometern Passanten bitten musste, mir irgendwie zu helfen, weil meine Beine nun komplett zu gewesen sind. Ich legte mich im Park auf den Boden und flehte förmlich um Hilfe, weil mein ganzer Körper zu zucken scheinte. Klingt jetzt eventuell alles sehr übertrieben aber irgendwie finde ich dass es sogar schlimmer gewesen ist, als ich nun schreiben kann. Nach einer 2-minütigen Dehnpause machte ich mich auf die letzen Kilometer und versuchte an jeder Versorgungsstation viel Flüssigkeit zu mir zu nehmen und immer wieder die Beine leicht durch zu schütteln. Das half auch alles soweit, dass ich es in Ziel schaffen sollte und als das Ziel immer näher kam und ich die Krämpfe zumindest immer an der Grenze halten konnte, lief ich auch wieder Zeiten um die 5 Minuten pro Kilometer (vorher teilweise bis zu 8 Minuten) was mir erneut bescheinigte, dass es wohl nicht an der Form lag sondern an einer der vielen Sachen, die halt bei einem solch komplexen Sport immer wieder dazwischen funken können. Das ist bei dem einen das Material (Uwe) und beim andern vielleicht wieder ganz etwas anderes. Als ich nach 5 Stunden und 31 Minuten dann endlich im Ziel war, musste ich losheulen wie ein Schlosshund und konnte mich fast gar nicht mehr einfangen. Dieser stundenlangen mentalen Herausforderung musste ich nun endgültig Tribut zollen und es brach wie eine gewaltige Erlösung über mich herein. Wirklich Schade, denn ich wollte ursprünglich mit einem tollen Ergebnis meinen Triumph genießen und mich für ein Jahr hartes Training belohnen und musste mich nun mit dem „ins Ziel kommen“ begnügen… ABER: Nur ein paar Minuten später habe ich erkannt, dass es überhaupt keinen Grund gibt frustriert zu sein! Nein - im Gegenteil: Ich habe erkannt, dass ich auf mentaler Ebene schon sehr gut funktioniere und tatsächlich ein Beisser bin! DAS lässt sich nur schwer im Training erlernen, das musst du irgendwie auch haben. Und auf Grund dieser Erkenntnis kann ich jetzt beruhigt dem nächsten Wettkampf ins Auge blicken, denn jetzt zählt es über korrekte Ernährung und ein paar Arztbesuche raus zu finden, woher die Krämpfe kommen aber meine Leistungsfähigkeit und mein Durchhaltevermögen scheinen wohl schon auf dem richtigen Weg zu sein! Ich freue mich auf die nächste Herausforderung und werde auch dann wieder ausführlichst berichten!

Euer Triatom

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok